Bonus Material: Stefan Glowacz Interview
Das umfangreiche Interview, dass wir mit Stefan Glowacz im Rahmen der „Oldies“ Story geführt haben, wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten. Deswegen hier in voller Länge die spannenden Ein- und Ansichten von dem Meister himself …
Wie bist Du zum Klettern gekommen und wann hattest Du das Gefühl, dass es „Dein“ Ding ist?
Meine Eltern nahmen meine Schwester und mich bereits mit ins Gebirge, da konnten wir noch gar nicht richtig laufen. In diesem Fall kann man sagen, dass mir die Bergsteigerei tatsächlich in die Wiege gelegt wurde. So entwickelte ich Instinkte, die mir bei meinen heutigen Expeditionen sehr wertvolle Dienste erweisen. Das die Kletterei mein Ding werden würde spürte ich in dem Moment, als ich selbstständig aufrecht gehen konnte.
Was waren die wichtigsten Routen in deinem Kletterleben?
„The Face“ im Altmühltal weil damit begann so richtig meine Sportkletterkarriere. „Kaisers neue Kleider“ im Wilden Kaiser, mit dieser Route konnte ich eine neue Dimension im alpinen Sportklettern erreichen. „Vom Winde verweht“ am Cerro Murallòn in Patagonien, da diese Route zu den größten Herausforderungen in einem der schwierigsten Gegenden der Welt zählt. Und natürlich die letzte Erstbegehung „Behind the rainbow“ am Roaima Tepui in Venezuela, weil es ein wertvolles Andenken an meinen Freund Kurt Albert darstellt.
War dein Kletterleben von Kontinuität gekennzeichnet, oder gab es Einbrüche, bist Du immer dabei geblieben oder gab es längere Pausen?
Ich war immer sehr kontinuierlich unterwegs, es gab bis auf kurze Unterbrechungen wegen Unfällen und Operationen keine motivationsbedingten Unterbrechungen. Motiviert bin ich immer und sei es nur zum trainieren. Letztes Jahr habe ich etwas mehr Zeit fürs Kiten investiert, ein Sport der mich unglaublich fasziniert. Aber eben nicht so wie die Kletterei und so stehe ich wieder fast jeden Tag im Trainingsraum.
Wie wirkt sich das Alter auf das Klettern aus? Hast Du jemals gedacht/gehofft, dass das Klettern eine so zentrale Rolle in Deinem Leben spielen wird?
Wie für viele andere aus meiner Generation hatte ich das ganz große Glück, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein und vor allem sehr schnell meine Leidenschaft und mein Talent erkannt zu haben. Ich habe bis heute meine Leidenschaft zum Beruf machen können. Ich genieße wirklich jeden Tag, da er sich fast immer irgendwie ums Klettern dreht. Auch wenn ich die Gesetze des Hochleistungssport auch nicht aushebeln kann. Die Erholungszeiten zwischen den Trainingseinheiten werden länger und um das Niveau noch länger halten zu können muss ich extrem konsequent leben und trainieren. Ich habe vor einem Jahr sogar komplett aufgehört Alkohol zu trinken, richte meinen Tagesablauf um die Trainingseinheit aus und habe mir im Keller eine „Folterkammer“ eingerichtet um keine weiten Wege zu haben. Aber ich bin auch entspannter und gelassener geworden. Freue mich über die unglaubliche Leistungsexplosion der nachfolgenden Generationen. Vor allem jedoch bin ich demütig und dankbar geworden für das Leben welches ich führen darf.
Wann hattest Du zum ersten Mal das Gefühl, dass Du nicht mehr ganz jung bist? Wie bist Du damit umgegangen?
Es war bei der Europameisterschaft in Frankfurt, irgendwann Ende der neunziger Jahre. Ich hatte schon Jahre zuvor meine Wettkampfkarriere beendet und fungierte als Co- Kommentator fürs Fernsehen. Ich war fest davon überzeugt, dass ich jederzeit wieder vorne mitklettern könnte, wenn ich nur wollte. Nach dem Onsight-Finale der Herren wollte ich noch in der Route trainieren. Zum Trainieren kam ich aber gar nicht, weil ich schon Mühe damit hatte, die Route einfach nur durchzubouldern. Es war ein richtiger Schock für mich zu begreifen, dass ab jetzt nichts mehr locker von der Hand gehen wird und ich systematisch zum Trainieren anfangen muss. Jede Epoche hat seine Zeit und meine als Kunstwandartist war mit Sicherheit vorbei. Ich hatte großartige Erfolge während meiner achtjährigen Wettkampfzeit, ich war zufrieden und glücklich mit dem Erreichten. Letztendlich ist diese Zufriedenheit wichtig für einen Sportler, um mit Anstand und Würde den jungen Wilden das Feld überlassen zu können und selber zu neuen Ufern aufzubrechen.
Woraus schöpfst Du deine Motivation? Ist Leidenschaft altersabhängig, wie erhält man sie aufrecht?
Das ist die häufigste Frage nach meinen Vorträgen bei Führungskräften aus der Wirtschaft und es ist immer die gleiche Antwort: Ich muss mich nicht motivieren, ich BIN motiviert. Ich habe immer Ziele vor mir die ich erreichen möchte, für die ich trainiere und lebe. Der Motor ist die Leidenschaft. Wenn ich diese nicht spüren würde, dann wird jede Trainingseinheit eine Qual und das Unternehmen selber noch eine Schlimmere. Ich habe noch so viele Visionen und Träume die ich gerne als Kletterer realisieren möchte, dass ein Kletterleben dafür nicht ausreichen wird. Es war auch der Glaube an meine Ziele, der mich die schweren Zeiten nach meinen Unfällen und Operationen durchstehen ließ. Die Leidenschaft kennt keine altersbedingten Grenzen.
Welche Aspekte des Kletterns waren wichtig, welche sind es jetzt? Worin hast Du Dich verbessert?
Wie gesagt, ich bin demütiger und dankbarer geworden und mittlerweile ist auch ein Klettertag, an dem gar nichts an der Wand geht, ein guter Tag. Allein schon den Tag mit einem guten Freund oder Freunden verbringen zu können ist großartig. Früher war es für mich nicht ganz so wichtig, mit wem ich zum Klettern gehe, Hauptsache er konnte vernünftig sichern.
Was musst Du berücksichtigen, wenn man wieder hart trainiert?
Ausreichend Erholung, konzentriertes Aufwärmen und die Akzeptanz der Erkenntnis, dass es immer Kletterer geben wird die noch härter Trainieren können.
Welche Faktoren waren wichtig bei der Herangehensweise, welche sind jetzt im „Alter“ wichtig?
Der Vorteil des Alters ist eine zunehmende Gelassenheit, vor allem für einen extrem ungeduldigen Menschen wie mich. Darüber hinaus kommt mir bei meinen Expedition in die entlegendsten Regionen der Welt die jahrelange Erfahrung zugute. Aber eines sollte jedem Kletterer klar sein: Dieser Sport geht bei permanenten Spitzenbelastungen unglaublich aufs Material. Für jeden Sportler ist der Körper sein wertvollstes Gut und sollte entsprechend vorsichtig behandelt werden. Als Youngster denkt man daran natürlich nicht und legt lieber noch mal eine Schaufel nach. Aber lasst euch gesagt sein, jeder zahlt dafür seinen Preis, es ist die Gesetzmäßigkeit einer jeden Hochleistungssportart.
Was bedeutet „alt“ sein im Klettern? Fühlst du dich alt?
Ich würde lügen wenn auch ich nicht gerne den unverbrauchten Körper eines zwanzigjährigen hätte. Aber von der Erfahrung, dem Erlebten, also vom Geist her möchte ich keinen Tag jünger sein.
Was sagen gleichaltrige Freunde, die nicht unbedingt KletterInnen sind, zu Deiner Leidenschaft?
Vor allem meine Frau, die aus der Modebranche kommt und mit Sport und vor allem mit Klettern überhaupt nichts am Hut hat, hat es aufgegeben zu fragen, wann meine Begeisterung endlich etwas nachlässt und die Zeit die ich fürs Training, Reisen und die Expeditionen investiere, auf ein, für mein Umfeld, erträglich Maß reduziert. Ohne Klettern wäre ich nicht der Mensch der ich jetzt bin.
Was haben die Alten den Jungen voraus?
Erfahrung und Gelassenheit. Aber die junge Klettergeneration um Adam Ondra ist schon in diesem frühen Alter ziemlich cool. Nach wie vor begeistert mich Chris Sharma nicht nur wegen seines Talents, vielmehr für die Art und die Konsequenz wie er sein Leben lebt.
Aus welchen Bereichen schöpfst Du Deine Kraft? Woher kommen die Inspirationen?
Es sind die Ziele die mich permanent unter Strom halten. Ich habe in der Regel zwei große Projekte im Jahr geplant. Sei es eine Expedition oder ein Erstbegehung in den Alpen. Darauf trainiere ich dann konsequent hin und bei jedem Klimmzug weiß ich, für was ich ihn mache. Ich bin davon überzeugt, dass es unsere selbst gesteckten Ziele sind, egal in welchem Bereich, die uns begeistern, inspirieren und dadurch motivieren. Entscheidend jedoch ist es zum richtigen Zeitpunkt zu diesen Zielen auch tatsächlich aufzubrechen und es nicht nur bei einem Wunsch zu belassen. Meinen Kindern sage ich immer: „Lebt Eure Träume“. Wir leben in einem sozialen Umfeld in der wir diese geistige, räumliche und zeitliche Freiheit haben, diese Träume leben zu können. Das ist ein unglaubliches Glück welches viele Menschen in dieser Form nicht haben.
Mit dem Klettern alt werden: möglich, wahrscheinlich empfehlenswert?
Früher habe ich die älteren Herren, die mit 70 oder sogar 80 Jahren noch in den Wänden rumsteigen, etwas überheblich belächelt. Heute sind es meine großen Vorbilder. Mit dem Klettern alt zu werden und in der glücklichen Lage zu sein, selbst im hohen Alter die eigene Leidenschaft leben zu können, ist für mich das größte Ziel.
Wie sieht Deine Zukunft aus? Welche Ziele hast Du noch auf der Deiner Agenda?
Ein Kletterleben alleine reicht nicht aus, um alle meine Träume noch leben zu können. Die Aktion Direct habe ich bereits auf mein nächstes Leben verschoben. Ich picke mir gerade die Rosinen meiner Träume raus und diese möchte ich gerne auch leben. Ende April fahre ich zum ersten Mal in den Himalaya zusammen mit David Göttler und meinem treuen Freund und Photografen Klaus Fengler. Wir reisen zum Gauri Shanka in Nepal. Ich bin total aufgeregt, wie ein kleiner Junge der zum ersten Mal in die Fränkische Schweiz mitfahren darf. Im Herbst kommt mein Film in die Kinos und darauf freue ich mich ganz besonders.
Wie sahst Du die Zukunft des Kletterns in jungen Jahren, wie hat sich Dein Blick auf die Zukunft gewandelt?
In meiner Sturm und Drangzeit als Sportklettterer und Wettkämpfer ging es mir primär um Leistung, um noch höhere Schwierigkeitsgrade. Als ich nach 1993 mit den Expeditionen begann, veränderte sich mein Blick. Heute stelle ich mir immer noch die Frage nach der Zukunft des Klettersports und diese Frage wird nicht nur mich sondern alle weitere Generationen begleiten. Wir haben das einmalige Glück, dass bis auf die Wettkämpfe, uns keine Schiedsrichter und Funktionäre vorschreiben wie wir die verschiedenen Disziplinen beim Klettern ausüben müssen. Wir Kletterer gestalten unsere eigene Ethik und stellen die Regeln auf. Diese basieren einzig und allein auf der Ehrlichkeit der Protagonisten und diese Werte müssen wir uns unbedingt erhalten. Ich sehe den Klettersport auf einen guten Weg, weil die Leistungsspitze ihrer Verantwortung gerecht wird und ständig diese Spielregeln hinterfragt auf der Suche nach noch mehr Sportlichkeit.
Welche Klischees verbinden sich im Klettern mit dem jung sein, welche mit dem alt sein?
Wenn es ein Klischee geben sollte, dann wird es meine Klettergeneration lügen strafen.
Wie sieht die Zukunft aus?- Werden wir Leute mit 60 sehen, die 9a klettern können?
Na klar, ihr müsst aber noch 15 Jahre darauf warten.
Welcher Oldie motiviert dich am meisten? Welcher Youngster motiviert Dich am meisten?
Viel ältere die noch motiviert sind schwer zu klettern kenne ich eigentlich gar nicht. Kurt Albert war nicht nur mein Freund sondern ist nach wie vor ein großes Vorbild für mich, vor allem was seine Einstellung zum Klettern anging. Er hat Klettern geliebt, unabhängig vom Schwierigkeitsgrad und hatte nach wie vor den Kopf voller Ideen für Expeditionen. Von der jungen Generation fasziniert mich am meisten Chris Sharma. Er hat so viel Kreativität und verkörpert das Ideal des modernen Kletterers.
Welche Lebensziele gibt es neben Kletter- bzw. Expeditionszielen?
Da ist mit Sicherheit das Ziel meinen Kindern ein guter Vater zu sein und ihnen ein bisschen von dem Glück, das ich in meinem Leben hatte, mitzugeben. Aber auch ein großes Ziel ist es, zusammen mit meinem Freund und Partner Uwe Hofstädter unsere gemeinsame Firma Red Chili weiter auszubauen und neben perfekten Kletterschuhen auch weitere Ausrüstung für Kletterer zu entwickeln.
- Buffin Island Expedition 2008
- Brasilien Klettern Minas-Gerais
- Brasilien, Minas Gerais, Pedra Riscada, Biwak in der Wand und Klettern der Schluesselseillaengen, Stefan Glowacz in der 7b-Seillaenge. 20.07.2009. Digital Photo; Copyright: Klaus Fengler.




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