Mythos Sharma: Ein Kommentar zur Roadshow „Living the dream“

15 Apr 2011     6 Kommentare    PLÄCE: Allgemein
ÄÄHHHCKHHNA GEEHHGOODNICESICK
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Benjamin Gerono hat den Meister anlässlich seiner Roadshow interviewt und ein spannendes Portrait geschrieben, welches hier zu lesen ist. Danke Benny!

Es ist Sonntag Abend, der 3. April 2011. Das letzte Licht des Tages dringt durch die großen Fenster der Berliner Boulderhalle Ostbloc. Die Türen stehen offen und geben den Blick frei auf den maritimen Charme der Rummelsburger Bucht. Ein paar Leute mit Vip-Karten dürfen in der Halle bleiben und bouldern noch, der Rest der Meute steht wartend vor der Tür. Dann betritt Chris Sharma, der erste Mensch, der nachweislich 9b geklettert ist, etwas scheu die Halle und wird sofort von einigen Leuten, die ihm den weiteren Ablauf des Abends erklären wollen, umringt. Er hat – ganz Amerikaner und Kletterstar -für jeden ein Lächeln parat, wirkt jedoch etwas abgespannt. Später wird er mir im Gespräch erwartungsgemäß sagen, dass er sich freue, hier zu sein. Natürlich sagt er das und nichts anderes, der Mann hat viel zu tun. Eben noch im spanischen Lleida, dann etliche Foto-und Filmtermine, zwischendurch die „Action Directe“ ausbouldern und jeden Abend zum Vortrag in einer anderen Stadt (siehe: http://vimeo.com/22019025).

Mit Sharma auf der Couch

Zwei Jahre hat es gedauert, den viel beschäftigten, eher medienscheuen Chris Omprakash Sharma heranzubekommen. Immer wieder hätte es Absagen gegeben, erklärt mir Veranstalter Stefan Koch (www.boulder-masters.com), bis dieses für das deutsche Klettervolk ohne Frage faszinierende Ereignis dann doch zu Stande gekommen sei. Es überrascht mich in diesem Zusammenhang nicht, zu erfahren, dass Sharma seine Prioritäten in der Regel auf das Klettern seiner Projekte und nicht auf das Halten von Vorträgen setze.

Nach dem Soundcheck schlendert der im Surferlook gekleidete Sharma noch ein wenig herum. Er ist offenkundig angetan, von dieser Halle der neuen Generation (www.ostbloc.de). An der Ausstellung meines Fotografen Florian Manhardt (www.bayomi-foto.de) hält er kurz inne. Sehr gut. Wir bekommen ein Zeichen vom Veranstalter und folgen ihm über die Absperrung in die „Lounge“. Ich fühle mich großartig; gleichzeitig bin ich auch ein wenig aufgeregt, denn vor mir sitzt nun der Mann, der mich, seit ich kletternd denke, inspiriert hat. Das Leben des Chris Sharma ist ein medialer Mythos, aufgeladen durch zahlreiche Videos, in denen er zum Teil sehr persönlich sein Kletterleben mit der Welt teilt. Ein befreundeter Fußballer fragte mich im Vorfeld, welchen Stellenwert denn so ein Interview mit diesem Sharma hätte, ich sagte ihm, dass er sich vorstellen sollte, mit dem Weltfußballer Messi kumpelhaft auf der Couch zu sitzen. Dieser Vergleich hat gezogen. Interessanterweise ist Sharma außerhalb der Kletterszene kaum bekannt, innerhalb ist der Begriff Superstar hingegen nicht übertrieben.

Job versus Authentizität

Während wir einander gegenüber sitzen, habe ich genügend Zeit, ihn zu mustern. Sharma wirkt älter als dreißig, und mir wird wieder klar dass so eine Legende auch nur ein Mensch ist und das Klettern am Limit durchaus Stress bedeuten kann. Ich gleiche die mediale Kunstfigur Sharma mit der Realität ab und habe plötzlich ein Gefühl von Vertrautheit, als würde ich diesen Menschen schon kennen. Ein ungleiches Verhältnis, denn ich kann für ihn nur ein weiterer Anonymus sein, einer unter den vielen, die auf seiner fünftägigen Roadshow mit dem etwas abgelutschten Titel „Living the dream“ etwas von ihm wissen wollen. Aber den souveränen Umgang mit begeisterten, ihn Chris nennenden „Fans“ ist Sharma ja gewöhnt, und er erfüllt auch an mir ganz „Nice guy“ seinen PR-Auftrag. Harte Worte, aber warum um alles in der Welt ist er sonst hier und nicht in Oliana, wo, wie er in seinem Vortrag erwähnen wird, ein weiteres 9a+•Projekt auf den Durchstieg wartet? Natürlich will er den Leuten, die ihm mit dem Kauf von Kletterstuff seinen Lebensstil ermöglichen, etwas zurückgeben. Und natürlich ist ihm der Kontakt zu den Menschen wichtig, aber eigentlich will er doch auch nur wie alle anderen diese geilen Linien in Spanien klettern. Und dafür braucht’s eben ein bisschen Geld. Allem vermuteten Schein zum Trotz wird mir jedoch im Verlauf unseres Gespräches klar: Dieser Mann ist authentisch und ein netter, fast ein bisschen schüchterner Kerl, dessen Haupteigenschaft die bedingungslose Hingabe an das Klettern ist.

Obsession an der Grenze zur Zwanghaftigkeit

Nach den üblichen Floskeln „How are you?“, „Have you ever been to Germany“ et cetera sind wir schnell beim Klettern angelangt, und aus dem respektvollen Abtasten wird ein Gespräch auf Augenhöhe. Meine Fragen zu seinem Haus und dem Leben in Spanien scheinen ihn nicht zu überraschen. Er antwortet rasch, wobei häufig das obligatorische „Well, …“ die Sätze ein-und ein typisches „You know“ die Sätze ausleitet. Als er über seine katalonische „Heimat“ zu sprechen beginnt, leuchten seine Augen und jeder seiner nun folgenden Gesten gleicht einem Kletterzug. Das ist sein Thema, hier spürt man die für den Erfolg am Rande des Menschenmöglichen nötige Obsession, hart an der Grenze zur Zwanghaftigkeit. Allein das Reden über seine Projekte scheint den „Job“ in Deutschland wieder mit Leidenschaft zu füllen. Nach all den Jahren des Travellings betont er, wie wichtig es ihm sei, jetzt ein Zuhause im spanischen Katalonien zu haben. Dieses Katalonien sei im Übrigen tatsächlich das Kletterparadies, wobei die Hauptschwierigkeit darin bestünde, sich auf eine dieser vielen genialen Linien zu fokussieren. Insgesamt verbringe er genauso viel Zeit mit Einbohren wie mit Klettern, und es sei schwierig, sich nicht zu verfitzen. Welch ein Luxus! Ich erkläre ihm, dass wir in Mitteldeutschland jeden Quadratmeter beklettern und jedes noch so abgelegene Wäldchen nach dem einen ultimativen Boulder-Projekt absuchen. Sharma schaut verständnisvoll, isst Pizza, trinkt Bier dazu und schenkt mir, seiner höflichen Art entsprechend, ein paar nette, aufbauende Worte.

First Round, First Minute

Als ich wohl oder übel auf sein Langzeit-9b-Projekt „First Round, First Minute“ zu sprechen komme, gerät Sharma ins Stocken. Er wird nachdenklich, betont aber, dass er darauf antworten möchte, auch wenn er, was Teil des Problems zu sein scheint, diese Frage offenkundig schon tausend Mal gehört hat. In seiner Reaktion wird die ganze emotionale Tragweite und die Zerrissenheit seines Wirkens in der Öffentlichkeit klar. Einerseits betont er immer wieder, wie wichtig es ihm sei, dem reinen Klettern über den Kontakt zum „Publikum“ eine gesellschaftliche Dimension zu geben. Andererseits folge er am liebsten einfach seiner persönlichen Motivation, ohne jeglichen Druck von außen. Das sei quasi der Hauptgrund, warum er Erstbegehungen so möge. Am Ende seiner Erläuterungen zu den 50 frustranen Versuchen in benanntem Projekt – allesamt scheiterten sie, so Sharma, am letzten Zug -und den damit verbundenen Motivationsproblemen komme ich zu der nicht sehr überraschenden Erkenntnis, dass so ein Spitzenkletterer die gleichen Probleme hat wie alle anderen auch, nur eben einige Grade darüber. Eines hat er freilich den meisten voraus. Das massive Scheitern wäre, so erklärt er, ein für ihn von der „Realization“ sowie anderen Großprojekten her bekanntes Gefühl, und er hätte gelernt, damit umzugehen. Man müsse loslassen können, und irgendwann sei die Zeit reif.

Der „Philosoph“ Sharma und die Inspiration

Es gibt ja die Sharma-Jünger und die, denen dieses „pseudo-philosophische“ Gelaber auf den Geist geht. Ich würde mich eher zur ersten Gruppe zählen und freue mich, dass Sharma in der Folge eingesteht, dass ausschließliches Klettern über die Jahre manchmal auch Sinnfragen aufkommen lässt. Wenn er darüber spricht, dass er diesen Lifestyle nun aber vollends für sich angenommen habe und sein Platz im Leben eben dieser sei, glaube ich ihm dies, allen zwischenzeitlichen Phrasen zum Trotz. Man mag ihn mögen oder nicht, aber der Mann ist echt. Er vermag es, seine Inspiration zu übertragen und die Obsession gesellschaftsfähig zu machen. Nach einem Gespräch mit Sharma gibt es keinen Zweifel daran, dass es Sinn macht, alles stehen und liegen zu lassen, um zum dritten Mal in dieser Woche für viele Stunden zum eigenen Projekt zu pilgern. Die Message lautet: Hadere nicht mit Deinem Schicksal! Es ist egal, in welchem Leben Du steckst, es kommt nur darauf an, was Du daraus machst. So oder so ähnlich wird er auch nach seinem Vortrag auf die Frage aus dem Publikum, ob er, der er ein so beneidenswertes Leben führe, manchmal auch auf die Leben anderer schiele, antworten.

9c-Routen machen einen nicht schlechter

Thema Training: Nur selten Plastik, kein Plan, rein intuitiv. Das fasst es ganz gut zusammen. Auch wenn das eigentlich bekannt ist, möchte ich Sharma noch einmal mit den folgenden Sätzen zitieren: „Mein Training sind die Projekte, die ich mache. Andere Kletterer trainieren zum Beispiel sechs Monate lang drinnen, gehen dann raus und klettern die Routen sehr schnell. Ich hingegen trainiere nicht, sondern arbeite über einen langen Zeitraum an meinen Projekten. Am Ende kommt das zeitlich aufs Gleiche raus. Jeder muss für sich entscheiden, was ihn mehr motiviert.“ Schön, nicht wahr? Das weiß man gleich, auf welche Seite man sich wider besseren Wissens schlägt. Natürlich gibt es, die ganze Talentfrage mal außer Acht lassend, systematischere Wege, den oberen elften Grad zu erreichen, aber an inspirativer Kraft ist diese Herangehensweise, Face to face mit dem Grund der eigenen Motivation, nicht zu überbieten. Und das, was Sharma in den letzten 15 Jahren so alles geklettert hat, sucht ja auch seines gleichen und legitimiert sein Tun, obgleich es die Erkenntnisse moderner Trainingstheorie bisweilen ad absurdum führt. So sei es in Katalonien zum Beispiel ein Problem, dass man immer klettern gehe, es gebe definitiv zu wenig Ruhetage. Bei aller Freude über diesen Erfolg ungebremsten Impulskletterns, gilt es jedoch zu bedenken, dass man zwangsläufig bärenstark werden muss, wenn man, wie Sharma während der Präsentation erwähnt, bisweilen exzessiv in potentiellen 9c-Routen trainiert. Bei den Erzählungen über eine solche Tour in Oliana, in der er zwar alle Einzelzüge, aber nie mehr als zwei am Stück klettern könne, wird zudem die ganze visionäre Kraft derer, die jenseits des Herkömmlichen wandeln, deutlich. Bezüglich der Route „Jumbo Love“ am Clark Mountain habe er von den Visionen des Randy Leavitt profitiert, er selbst hinterlasse der nächsten, stärkeren Generation dieses für ihn vermutlich nie kletterbare Projekt.

Manöverkritik

Irgendwann gibt mir Sabine von boulder-masters.com freundlich, aber bestimmt zu verstehen, dass ich meine Zeit schon überschritten hätte. Wir machen noch schnell ein Porträt, shaken hands und ich bin für den Rest des Abends von dieser vermutlich einmaligen Begegnung beflügelt. Sharma selbst signiert noch irgendwelche Schuhe, „prostituiert“ sich anderweitig und ein halbe Stunde später beginnt der eigentliche Vortrag. Der Begriff Multivisionsshow ist arg euphemistisch für eine Präsentation mit ein paar bekannten und tonverrauschten Videosequenzen sowie ein paar mittelmäßigen Bildern aus dem Heimarchiv. Alles wirkt etwas dahingeschludert und willkürlich, man merkt, dass ihm seine erklärten Freunde von BigUp und auch sonst niemand bei der Vorbereitung geholfen haben. Kein Wunder also, dass der eine oder andere durchschnittlich an Sharma interessierte Bergfreund, der mit 17 Euro schon ein bisschen tiefer in die Tasche greifen musste und von Glowac und Co. Besseres gewohnt ist, am Ende etwas unzufrieden nach Hause gehen wird. Den wahren Fan hingegen kann weder die mangelhafte Präsentation noch das fehlende Spotlight – Sharma sitzt im Dunkeln und nur bei helleren Fotos kann man seine Züge erahnen -aus seiner Begeisterung reißen. Denn, das Ganze lebt ja, das muss man begreifen, von der physischen Präsenz dieses (Über)menschen. Wir wollen Details aus seinem Leben erfahren und uns ein Stück weit in ihm wieder finden. Deshalb ist der vortragende Sharma auch immer dann am stärksten, wenn er zum Beispiel über seinen Kumpel Dani spricht, der sich in seiner sympathischen Besessenheit an jeden Zug einer x-beliebigen, Jahre zurück liegenden 6a erinnern könne, oder wenn sich das unscharfe Bild eines nackten Freundes beim Psicobloccen zwischen die Bilder von Highend-Routen mischt. Natürlich bekomme auch ich noch einmal feuchte Finger beim Anblick seines Durchstieges der „Realization“ in Ceüse, aber nach dem 5. Video in weitgehender Frontalaufnahme verliert sich das Gefühl für die Schwierigkeit einer Tour, die 70 Meter-Linie „Jumbo Love“ und der Psicobloc-Kracher „Es Pontas“ mal ausgenommen. Diese beiden kann ich mir immer und immer wieder anschauen. Am Ende geht mir durch den Kopf, dass Sharma jetzt eine ganze Woche nicht klettern war. Wow, ich hätte nicht gedacht, dass er das bringt! Seine Antwort auf diesen lachsen Einwurf während des Interviews, war, dass ihm das auch mal ganz gut täte. Er klettere, wie erwähnt, eher zu viel als zu wenig. Und bei aller Kritik, selbst der müde, mittelmäßig vorbereite Sharma hat insgesamt unglaublich inspiriert. Eigentlich wollte ich mein zuletzt im Steinbruch eingebohrtes, für mich wahrscheinlich nicht kletterbares Projekt, an den Dresdner Markus Hoppe verschenken. Nach diesem Vortrag greife ich jedoch noch einmal an. Das Unmögliche möglich zu machen, ist, das weiß ich jetzt, eine Mission, die man ohne Kompromisse annehmen sollte.

 

 

 

 


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