„Non ci resta che piangere“ – Piz de Ciavazes (2.828 Meter) – Sellagebiet – Dolomiten
Im Sommer 2004 konnten die Rieglerbrothers die Route „Via Italia 61“ am Piz de Ciavazes als Erste frei wiederholen. Nun gelang ihnen gleich nebenan die erste freie Begehung einer Techno Route. Diesmal im Winter.
Immer wieder versuchten sich Seilschaften am Wandabschnitt zwischen Via Italia 61 und Zeni- Verschneidung und immer wieder scheiterten sie am ersten Dach. Schließlich waren es Edy Boldrin und Dario Feller die sich in den 1990er Jahren in technischer Manier durchsetzen konnten. Die beiden bewerteten die Route mit 7a/A2 und gaben ihr den Namen „Non ci resta che piangere“ was wörtlich übersetzt so viel bedeutet wie „es bleibt uns Nichts übrig als zu heulen“.
Bereits vor einigen Jahren hangelten wir uns tarzanmäßig durch die gelbe, exponierte Mauer. „Einmal und nie wieder“ schworen mein Bruder und ich als wir nach der brüchigen Kletterei erschöpft das Gamsband des Piz de Ciavazes erreichten. Ende 2011 brachen wir den Schwur und stiegen erneut in die überhängende Wand. Das Tagesziel war herauszufinden ob eine freie Begehung möglich sei. Leider verschwand bald darauf die Sonne hinter den Wolken. Mit unseren klammen Fingern war nicht mehr an Klettern zu denken und unverrichteter Dinge seilten wir ab.
Beim nächsten Versuch waren die Temperaturen ähnlich winterlich aber wir hochmotiviert herauszufinden ob es nun frei auch ginge. Unsere Hoffnung schwand mit jeder fragwürdigen Zwischensicherung und die unglückliche Standplatzwahl mitten im Quergang ließ sie schließlich ganz erlöschen. Erneut mussten wir uns geschlagen geben und seilten zurück zum Einstieg. Am Boden angekommen schwenkte unser Blick über das gewaltige Panorama, die untergehende Sonne und die einzigartige Stille. Wir wollten noch mehr solche fantastischen Momente erleben und allein schon deshalb wiederkehren. Vorher kontaktierten wir aber Edy, einen der beiden Erschließer. Mit seinem Einverständnis zwei zusätzliche Standplätze einzurichten und drei Bohrhaken zu versetzen schöpften wir wieder neue Hoffnung.
Da Florian keine Zeit hatte seilte ich mich alleine in die Wand und entrümpelte bei der Gelegenheit auch gleich die brüchigen Längen. Fasziniert beobachtete ich wie die Felsbrocken nach 200 Meter freiem Fall dumpf in den Schnee schlugen. Im Sommer wäre eine solche Räumungsaktion wegen der vielen Seilschaften undenkbar gewesen.Einen weiteren Tag verbrachte ich damit die bestehenden Haken nachzuschlagen und die alten Reepschnuren auszutauschen.
Jetzt konnten mein Bruder und ich ernsthaft versuchen die Route frei zu klettern. Es kristallisierten sich zwei Schlüsselseillängen heraus – die Dachquerung und die vorletzte Seillänge. Noch konnten wir uns nicht vorstellen die Züge erfolgreich aneinander zu reihen aber wir hatten ein ideales Projekt gefunden um die eisfreien Wintermonate in den Dolomiten zu überbrücken. Als wir die einzelnen Seillängen rotpunkt geklettert hatten, wollten wir die für die Jahreszeit milden Temperaturen nutzen und am 12.01.2012 eine sturzfreie Begehung versuchen. Doch vorher gönnten wir uns einen Rasttag.
Nachdem wir uns einen Parkplatz neben der Straße frei geschaufelt hatten stapften wir zum Einstieg. Die Bedingungen schienen perfekt: Sonnenschein, keine Wolke in Sicht und angenehm warm. Die ersten Längen liefen wie am Schnürchen doch als wir uns der Verschneidung näherten glänzten kleine Eiszapfen aus den Rissen. Damit hatten wir nicht gerettet. Misstrauisch blickten wir nach oben und beredeten einen eventuellen Rückzug. Wir sollten es wenigstens versuchen aber wer steigt vor? „Geh du, du bist besser“ – „Na, geh du, du hast den besseren Kopf “ ging es hin und her. Wir konnten uns nicht einigen und darum sollte das Los entscheiden: Es traf mich. Dass ich die Seillänge klettern konnte wusste ich, doch würde die Kraft auch noch für die restlichen 150 Meter reichen? Schritt für Schritt schob ich mich die Verschneidung entlang, vorbei an den vereisten Untergriffen erreichte ich schweißgebadet den Stand.
Nun war mein Bruder an der Reihe sich die erste Schlüsselseillänge zu holen. Beim Griffwechsel an der kleinen Leiste bog es ihm die Finger nach oben und es schien als würde er langsam nach hinten kippen. Ich machte mich auf seinen Sturz gefasst, aber er fiel nicht und kletterte juchzend über die Kante.
Jetzt konnte uns nur noch die vorletzte Seillänge stoppen. Es lag bei mir. Wir hatten noch ca. eine Stunde bis Sonnenuntergang. Florian war fest davon überzeugt dass ich es schaffen würde aber seine vorzeitige Euphorie beruhigte mich keineswegs. Ich schlüpfte aus meinen Kletterschuhen und wartete. Die Minuten kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Eine Brise Wind streifte die Wand entlang. Der „Durchstiegswind“ – mein Zeichen um loszuklettern. Sobald ich den ersten Griff in der Hand spürte war die Aufregung weg. Mein Bruder hatte Recht: Das harte Training machte sich bemerkbar und ich stieg problemlos nach oben.
Wir waren am Ende der Route angelangt und genossen den Augenblick. Die freie Begehung war geschafft. Eigentlich kein Grund zum Heulen.
Die Rieglerbrothers
Pics: Michael Maili (www.mmarts.at)




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